Von der Aufklärung zur Affirmation? Zur Krise der Erinnerungskultur.

Simon Wiesenthal Lecture von Martin SABROW, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam.

Wien (OTS) In Deutschland hat sich seit den 1960er-Jahren erst zögerlich, dann in bemerkenswertem Schulterschluss von Wissenschaft, Politik und öffentlicher Geschichtskultur eine Erinnerungskultur etabliert, die auf die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen unheilvollen Vergangenheit abstellt. Sie hat in ihrem schonungslosen Aufklärungsanspruch in den vergangenen Jahrzehnten einen geschichtskulturellen Grundkonsens ausgebildet, den nicht erst die jetzige Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag zu einem „Teil unseres nationalen Selbstverständnisses“ erklärte.

Doch die Zeichen mehren sich, dass dieses Paradigma einer entschlossenen und kritischen Neubefragung verdrängter und verschwiegener Geschichte an Geltungskraft verloren hat. Das Anschwellen des Rechtspopulismus in Deutschland und die signifikant geringere Demokratieakzeptanz in Ostdeutschland werfen im Gegenteil die Frage auf, ob der Glaube an eine gefestigte demokratische Erinnerungskultur nicht in die Irre geführt und die in Deutschland betriebene Vergangenheitsaufarbeitung ihre Aufgabe verfehlt habe, über die Auseinandersetzung mit den untergegangenen Diktaturen die Zukunft der Demokratie zu sichern.

Der Vortrag geht den Ursachen dieser neuen Ungewissheit nach. Er zeichnet den schleichenden Wandel von kritischer Selbstbefragung zu affirmativer Selbstbestätigung nach, der die Verständigung über die unheilvolle Vergangenheit in Deutschland seit den 1990er-Jahren zunehmend prägt, und erörtert mögliche Auswege aus der immer deutlicher werdenden Krise der Erinnerungskultur.

Martin SABROW ist Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam und Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität Potsdam. Für seine Biographie Erich Honecker. Das Leben davor. 1912–1945, München 2016 wurde er 2017 mit dem Golo-Mann-Preis für Geschichtsschreibung ausgezeichnet. Jüngste Veröffentlichungen: Zeitgeschichte schreiben in der Gegenwart, Göttingen 2014; Historische Authentizität (mit Achim Saupe), Göttingen 2016; Die versammelte Zunft. Historikerverband und Historikertage 1893–2000 (mit Matthias Berg/Olaf Blaschke/ Jens Thiel/Krijn Thijs), Göttingen 2018.

Von der Aufklärung zur Affirmation? Zur Krise der Erinnerungskultur.

Simon Wiesenthal Lecture von Martin SABROW, Univ.-Prof. für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität Potsdam, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam.

Moderation: Doz. Dr. Éva KOVÁCS, Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI).

Datum: 16.05.2019, 18:30 – 20:00 Uhr

Ort: Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Dachfoyer
Minoritenplatz 1, 1010 Wien, Österreich

Url: http://www.vwi.ac.at

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI)
Dr. Jana Starek
Tel.: +43-1-890 15 14-150
jana.starek@vwi.ac.at
www.vwi.ac.at

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