TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Heißes Wahlfinale, lange Brautschau“, von Alois Vahrner

Ausgabe vom Samstag, 14. September 2019

Innsbruck (OTS) Zwei Wochen vor der Nationalratswahl wird die seit Monaten laufende Wahlkampf-Maschinerie noch weiter hochgefahren. Mindestens so spannend wie die Wahl selbst werden aber die Wochen und Monate danach.

Die Wahlkampfstrategen aller Parteien hoffen bis zum 29. September auf den in der Vergangenheit stets gestiegenen Anteil an Unentschlossenen. Im Gegensatz zur Wahl 2017, als es so etwas wie einen Dreikampf um Platz eins und die Kanzlerschaft von SPÖ, ÖVP und FPÖ gab, scheinen die Fronten diesmal klar abgesteckt. Das umso mehr, als sich in den letzten vier Monaten seit dem Ibiza-Videoskandal rund um den damaligen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und dem darauffolgenden Platzen der türkis-blauen Koalition in den Umfragen praktisch nichts getan hat. Die ÖVP liegt weiterhin im Bereich von 34 bis 36 Prozent weit vor SPÖ und FPÖ (laut jüngsten Umfragen bei etwa 22 bzw. 19 Prozent). In Wettbüros ist es sinnlos, auf einen ÖVP-Sieg bzw. künftigen Kanzler Sebastian Kurz zu wetten, weil man da nur den Einsatz zurückbekäme.
Vieles konzentriert sich in den Diskussionen daher schon auf die Zeit nach der Wahl. Noch lässt sich Kurz nicht in die Karten blicken, was er, so er denn die Umfragen auch in Wahlergebnisse umsetzen kann, nach der Wahl tatsächlich vorhat: Nach dem momentanen Stimmungsbild gäbe es auch rechnerisch keine Koalitionsvariante an der ÖVP vorbei, während Kurz vor der scheinbar wunderbaren Situation stehen könnte, aus drei Varianten mit allesamt verhandlungsbereiten Partnern auszuwählen: eine Neuauflage nach der Scheidung mit der FPÖ, ein Comeback der alten Großen Koalition mit der SPÖ oder als Novum die so genannte „Dirndl-Koalition“ mit Grünen und NEOS.
Mit der FPÖ gäbe es, wie auch die zahme TV-Diskussion von Kurz mit FPÖ-Chef Norbert Hofer zeigte, inhaltlich die allerwenigsten Probleme, zumal die FPÖ eine Neuauflage fast schon herbeibettelt – wären da nicht das Feindbild Herbert Kickl und die lange Serie an unsäglichen „Einzelfällen“ am ultrarechten Rand. Wenn Kurz wieder mit der FPÖ koaliert, hat er volle Mithaftung für drohende neue Skandale. Mit der SPÖ als Juniorpartner könnte Kurz, so sich die Protagonisten nicht gänzlich anders als früher verhalten, die Neuauflage von altem Streit und Stillstand blühen. Und eine Ehe mit Grünen und NEOS wäre zweifellos sehr spannend, aber thematisch von Umwelt, Steuern, Migration bis zur Bildung auch höchst spannungsgeladen.
Die Buchmacher sehen Türkis-Blau (Quote 1,40 für 1 Euro Einsatz) weiter in der Pole-Position, gefolgt von Türkis-Grün-Pink (3,10 für 1 Euro) und dann erst Türkis-Rot (3,50 Euro). Wenigstens eines scheint aber gewiss, dass nämlich die Sondierungen und Verhandlungen lang dauern werden – möglicherweise bis ins nächste Jahr hinein.

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